Wer seine Fotos von der breiten Masse abheben möchte oder einfach Lust auf optische Spielereien ohne Photoshop hat, der kann sich an Langzeitaufnahmen versuchen. Mit dieser Methode können Sie Bilder kreieren, die teils surreale Effekte bieten, ohne dass Sie nachbearbeiten müssen. Damit Fotos mit Langzeit geschossen werden können, brauchen Sie eine Kamera, welche es Ihnen ermöglicht, die Verschlusszeiten einzustellen und zu verlängern. Ein optionaler „Bulb“-Modus ist hier hilfreich. Wird der Auslöser oder Fernauslöser gedrückt gehalten, belichtet die Kamera während der ganzen Zeit die Aufnahme. Digitale Spiegelreflexkameras bieten inzwischen fast durchgehend diese Funktion an.
Wo kann ich die Langzeitbelichtung einsetzen?
Es gibt nicht das Gebiet für Langzeitaufnahmen, aber Fotografen benutzen die Langzeitbelichtung z. B. gerne für Nachaufnahmen, da sich auch bei geringem Licht noch gute Fotos machen lassen. Eine andere Möglichkeit ist es, Bewegungsabläufe anzuzeigen, wie beim Nachthimmel oder auf dem Beispielbild der Sekundenzeiger der Uhr. Man kann aber auch Bewegungen ausblenden. Im Netz finden sich öfter Bilder von Gewässern mit kleinen Fällen, die wie vernebelt oder flüssiges Metall aussehen. Hier kam kein Bildbearbeitungsprogramm zum Einsatz, sondern diese Aufnahmen wurden per Langzeitbelichtung geschossen.
Am Tage wird ein Graufilter benötigt
Wer tagsüber seine Langzeitaufnahmen machen möchte, der braucht auf jeden Fall einen Neutralgraufilter. Ansonsten ist es nämlich zu hell und die Verschlusszeiten sind zu kurz für eine vernünftige Aufnahme. Am Ende dieses Kapitels folgt noch eine Tabelle mit den verschiedenen Stärken der Graufilter. Wenn wir bei dem vorhin erwähnten Beispiel des Wasserfalls bleiben wollen, muss man sich überlegen, wie die Verschlusszeit aussehen soll. Es gilt die Faustregel: Je länger die Verschlusszeit, desto mehr verschwimmen die Strukturen des Wasserfalls, der dann eher wie geschmolzenes Metall daherkommt. Es lässt sich keine perfekte Verschlusszeit für jede Aufnahme festlegen, hier können Sie auch selber etwas experimentieren. Denn wenn die Belichtung zu lang ist, kann es sein, dass bewegte Objekte komplett aus dem Bild verschwinden – was bei manchen Langzeit aufnahmen natürlich auch reizvoll sein kann.
Anhand der Tabelle kann man ausrechnen, wie die Zeit mit einem Graufilter im Vergleich zur Verschlusszeit ohne Filter aussieht. Nehmen wir an, dass wir einen Neutral Graufilter mit einer Dichte von 1,8 benutzen wollen. Die Verschlusszeit bei der Kamera ist hypothetisch mit 1/30 Sekunden eingestellt. Wenn wir nun den Graufilter einsetzen, müssen wir die Verschlusszeit mit 64 multiplizieren und somit muss bei aufgesetztem Filter die Aufnahme knapp 2,1 Sekunden belichtet werden.
Fotografieren mit dem Graufilter
In der Praxis benötigt eine solche Langzeitaufnahme mit Neutralgraufilter ein wenig Vorbereitung. Zunächst ist es wichtig, dass Sie mit einem Stativ arbeiten, denn eine Langzeitbelichtung per Hand kann wegen der unvermeidlichen Ruckler leicht misslingen. Stellen Sie übrigens den Bildstabilisator – falls möglich – aus. Ansonsten kann es passieren, dass durch diese Software wieder Ruckler ins Bild kommen. Nun kommt der schwierige Teil. Wenn Sie einen Graufilter aufsetzen, sind Funktionen Ihrer Kamera, wie die Ausschnittswahl, Belichtungsmessung und der Autofokus nicht möglich. Deshalb müssen Sie diese Einstellungen ohne den Graufilter vornehmen. Merken Sie sich die bei der Belichtungsmessung ermittelte Zeit, da Sie diese für die Aufnahme brauchen.
Ist alles eingestellt, kann der Graufilter aufgesetzt werden. Achten Sie darauf, dass der Autofokus ausgestellt ist, da dieser sonst die vorgenommen Einstellungen egalisiert und Sie wieder von vorne beginnen müssten. Vor der Langzeitaufnahme müssen Sie nun die richtige Verschlusszeit ausrechnen. Multiplizieren Sie wie im oben beschriebenen Beispiel mit dem Verlängerungsfaktor Ihres Graufilters. Sollte Ihre Kamera ein Limit bei der Verschlusszeit aufweisen, können Sie mit dem schon erwähnten „Bulb“-Modus längere Belichtungszeiten erreichen. Schauen Sie beim Kauf der Kamera deshalb genau hin, ob dieser Modus zum Funktionsumfang gehört.
Nächtliche Langzeitaufnahmen brauchen keinen Graufilter
Da der Graufilter bei Tagaufnahmen mit Langzeitbelichtung eingesetzt wird, um Dunkelheit zu simulieren, ist es nur natürlich, dass man Nachtaufnahmen für die Langzeitbelichtung keinen solchen Filter benötigt. Beliebte Langzeitaufnahmen bei Nacht sind Fotos von belebten Straßen. Bei Belichtungszeiten bis zu einer Minute erhält man dann schöne Bilder, wie das folgende.
Innerhalb einer Stadt wird der Belichtungsmesser vermutlich noch arbeiten, aber wenn Sie im ländlichen Bereich unterwegs sind, um Fotos zu schießen müssen Sie es auf die althergebrachte Art machen: Probieren geht über studieren. Da aber natürlich Langzeitaufnahmen – z. B. vom Nachthimmel – von bis zu einer Stunde problemlos möglich sind, möchte man das Risiko minimieren, eine ganze Stunde für Nichts geopfert zu haben. Deshalb sollte Ihre Ausrüstung für Langzeitaufnahmen bei Nacht folgendes enthalten:
- Stativ mit Schnellwechselsystem
- Kabelauslöser mit Feststellfunktion
- Taschenrechner (hat man ja im Handy)
- Taschenlampe
- Netbook/Tablet (optional)
- evtl. eine zweite Person
Die richtigen Einstellungen für Nachtaufnahmen vornehmen
Gerade die Taschenlampe ist sehr wichtig, eine Leuchte für den Schlüsselanhänger reicht nicht, es sollte eine starke Lampe sein. Als erstes sollten Sie den Bildausschnitt festlegen. Hier kann auch schon mit der Taschenlampe gearbeitet werden, wenn Sie den gewünschten Bereich anstrahlen. Danach muss der Fokus scharf gestellt werden. Man kann versuchen, den Bereich weiter anzustrahlen, oftmals versagt der Fokus dann aber. Legen Sie am besten die Taschenlampe in den gewünschten Bereich und stellen Sie darauf scharf. Allerdings müssen Sie dazu die Kamera kurz vom Stativ nehmen, deshalb bietet sich ein Schnellverschluss an, damit der Bildausschnitt sich nicht ändert. Idealerweise haben Sie aber noch jemanden dabei, der sich mit der Lampe anstrahlen kann, so dass Sie auf diesen Bereich fokussieren können, ohne die Kamera vom Stativ zu nehmen.
Ist dies geschehen, unbedingt den Autofokus abschalten, bevor Sie mit dem Prozedere wieder von vorne beginnen müssen. Als erstes sollten Sie nun testen, ob Sie mit den vorgenommen Einstellungen ein vernünftig fotografieren können. Stellen Sie auf den manuellen Modus um und setzen Sie den ISO Wert so hoch wie möglich. In unserem Beispiel setzten wir den Wert 1600 ein. Machen Sie die Blende ganz auf und versuchen Sie eine beliebige Verschlusszeit. Das geschossene Foto kann man sich nun auf dem Netbook oder Tablet genauer anschauen. Da solche Displays aber (genau wie das der Kamera) täuschen können, ist es wichtig sich das Histogramm anzuschauen. Bedenken Sie, dass eine leichte Verschiebung nach links unproblematisch ist, schließlich sollen die Nachtaufnahmen auch nach Nacht aussehen. Haben Sie nach mehreren Versuchen die richtigen Einstellungen gefunden, geht es zum nächsten Schritt.
Die richtigen Parameter berechnen
Wir gehen jetzt davon aus, dass wir bei ISO 1600 mit der Blende 4 für 20 Sekunden belichtet haben. Nun kommt der Taschenrechner heraus – natürlich darf auch im Kopf gerechnet werden
– und wir ermitteln jetzt die Werte, wenn wir bspw. mit ISO 100 bei Blende 5,6 fotografieren wollen. Wer sich eine Blendentabelle anschaut sieht, dass es von Blende 4 auf Blende 5,6 ein Schritt ist, wenn man die halben Blenden außer Acht lässt. Dies bedeutet bei Langzeitaufnahmen, dass wir die Verlichtungszeit verdoppeln. Würden wir hypothetisch auf Blende 2,8 gehen, müsste die Zeit halbiert werden. Aber in unserem Beispiel verdoppelt sich die Verschlusszeit von 20 auf 40 Sekunden.
Da mit den ISO Werten die Lichtempfindlichkeit gemessen wird, ist klar, dass ISO 100 16-mal weniger lichtempfindlich ist, als der ISO 1600 Wert. Deshalb muss die Verschlusszeit von 40 Sekunden nun mit dem Faktor 16 multipliziert werden, womit die Belichtungszeit fest steht: 640 Sekunden müssen Sie belichten. Stellen Sie also nun den ISO- und Blendenwert an der Kamera ein und mithilfe des „Bulb“-Modus und des Kabelauslösers können Sie nun knapp 11 Minuten belichten und haben die Langzeitaufnahme im Kasten.
Fazit
Egal ob bei Tag oder Nacht, ein Foto mit Langzeitbelichtung hat immer etwas Besonderes. Probieren Sie ruhig ein bisschen an den Einstellungen rum, es gibt schließlich nur Empfehlungen und keine festen Regeln für Langzeitaufnahmen. Möchten Sie das Foto hinterher noch bearbeiten, empfiehlt sich übrigens das Abspeichern im RAW-Format. So ist die Datei unkomprimiert. Allerdings müssen Sie dann auch entsprechend große Speicherkarten mit sich führen, da die RAW-Fotos mehr Platz einnehmen als JPEG-Dateien.
Bildnachweis
Bild (1): André Karwath CC-BY-SA 2.5
Kameradaten
- Modell NIKON D70
- Belichtungsdauer 10/1 Sekunden (10)
- Blende f/32
- Film- oder Sensorempfindlichkeit (ISO) 200
- Brennweite 240 mm
Bild (2): Alexander Stübner CC-BY-SA 2.0 DE
Kameradaten
- Modell NIKON D60
- Belichtungsdauer 30/1 Sekunden (30)
- Blende f/22
- Film- oder Sensorempfindlichkeit (ISO) 100
- Brennweite 55 mm








